Queer und Jugendkulturen- Veranstaltungsreihe 2016

Im Sommer 2016 startete unser Projekt Diversity Box zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt eine Abendveranstaltungsreihe zu verschiedenen Jugendkulturen und popkulturellen Phänomenen in Bezug auf Queer.

Den Auftakt machte unsere Lesung QUEER Classics // QUEER & Literatur mit den Autorinnen Elisabeth R. Hager und Tania Witte. Beide lasen im Wechsel  Auszüge aus queeren Klassikern und Kultbüchern wie Zami von Audre Lorde, Stone Butch Blues von Leslie Feinberg, Orlando von Virginia Wolff.

Besonders wertvoll und unterhaltsam waren nicht nur die ausgewählten Texte, sondern  vor allem auch die persönlichen und künstlerischen Bezüge und Eindrücke  der beiden Autorinnen zu den vorgestellten Texten.

Nach der Literatur ging es weiter mit einer Reise ins Reich der Lilien & Rosen: Queer & Japanische Jugendkulturen.

Ein reich bebilderter Vortrag von Uli Meyer gab  Einblicke in queere Praxen fernab des amerikanischen und europäischen Blicks. Uli Meyer thematisierte dabei: Jugendliche Transvestiten in Tokyos Parks, weibliche Teenager die schwule Erotika zeichnen, Boybands in Frauenkleidern und Schulmädchen, die für Männerdarstellerinnen schwärmen: 
Wie in kaum einem anderen Land der Welt bieten Jugendkulturen in Japan einen Freiraum, in dem die Grenzen von Sexualität und Geschlecht überschritten werden können. 
Die Wurzeln dieses „devianten“ Verhaltens lassen sich zu Subkulturen wie den kabukimono („den schrägen Spinnern“) um 1600 zurück verfolgen.
Uli Meyer zeigt teilweise seltenes Film- und Bildmaterial aus Zeichentrickserien, Musicals, Fernsehwerbung, TV Serien und vieles mehr.

Mit Niki Trauthwein konnten wir für unsere dritte Veranstaltung eine Expertin zu Inter, Trans und Queer Geschichte in Berlin gewinnen, die auch die wissenschaftliche Leitung im Lili Elbe Archiv ist. In dem Vortrag Queer und Punk- Lavender Class War - Punk,Oi & Gender richtete Niki den Blick queere Entwicklungen im Punk und Oi, nicht zuletzt da sie selbst auf eine lange Geschichte in der Punk und Oi Szene zurückblicken kann. Begleitet wird der Vortrag von zahlreichen Musikvideos, Dokumentationen und künstlerischer Kurzfilme, die das ganze Thema lebendig und spannend gestalten. Es darf auch mitgesungen und getanzt werden! Zusätzlich zu dem Vortrag wird es für Interessierte auch eine Auslage an Queercore Zines und Schallplatten geben.

Punk und Oi sind laut, ungestüm, herausfordernd, aggressiv und widerspenstig. Diese Subkulturen haben viele Stimmen und Gesichter, die keinen Hehl um ihre sexuelle Orientierung gemacht haben oder Geschlechtergrenzen überschreiten. Fernab ihrer Mainstream-Subkultur hat sich eine queere Bewegung entwickelt. Gay Skins, Lesbian Skingirls, feministische Einflüsse in Punk und Oi, Transgender als Thema in Liedern und Personen in Bands. Von Jayne County und Pansy Division über Bruce LaBruce bis hin zu Laura Jane Grace erfährt man eine Geschichte von Sexualität, Geschlecht und Fetisch des Punk und Oi. Wie gehen die Mainstream-Punk&Oi-Subkulturen mit Homosexualität, Bisexualität und Transgeschlechtlichkeit um? Welche Freiräume und Möglichkeiten bieten Punk und Oi für transgeschlechtliche Menschen? Diese und andere spannende Fragen versucht der Vortrag in einer Mischung aus historischem und aktuellem Material sowie realer Lebenserfahrung zu beantworten.

Für unser erstes Panel bei der Veranstaltungsreihe luden wir  vier Zinemacher*innen aus Berlin zum Gespräch über QUEER ZINES ins Aquarium am Kottbusser Tor.

Is Queer the new Punk!?

Das Archiv der Jugendkulturen sammelt schon seit vielen Jahren Zines. Vor allem im Bereich Punk haben wir eine sehr große Sammlung. Seit einigen Jahren beobachten wir aber die Entwicklung, dass vor allem im Bereich der queeren Zines viel mehr veröffentlicht wird und diese auch bei den Zinefesten immer präsenter werden. Ganz zu schweigen von dem eigenen Mini Queer Zine Fest in Berlin, dass sich bereits seit einigen Jahren mit großer Beliebtheit den queeren Zines, dem Austausch und Vernetzung widmet.

An diesem Abend möchten wir verschiedene Zine-Macher*innen einladen, ihre Zines und ihre Positionen vorzustellen. Darüber hinaus möchten wir gemeinsam ins Gespräch kommen: über das Machen von Zines, die Vernetzung in der queeren Zine-Macher*innen- Community und über aktuelle Themen und Entwicklungen der Repräsentationen in der Queer Community.

Mit dabei waren:
Dana von Ethical Sloth 
"Dana ist eine Hälfte von Ethical Sloth, einem queeren DIY Comic Zine,das seit drei Jahren in etwa halbjährlich erscheint. Sie gibt das La Moustache Zine heraus, welches sich thematisch mit der (queer-feministischen) DIY-Musikszene beschäftigt, ein experimentelles Interviewmagazin namens 13 Questions und hat gerade ein Comic Zine über die besten und schrecklichsten Erlebnisse aus zehn Jahren (queer-feministische) DIY Konzerte veranstalten angefangen. Sie ist Mitbegründer_in des Queer Zinefests Berlin und gibt manchmal Zine-Workshops.

SchwarzRund
"SchwarzRund kam als Schwarze Deutsche Dominikaner*in mit drei Jahren nach Bremen, lebt seit fast zehn Jahren in Berlin. Seit 2013 publiziert sie auf ihrem Blog schwarzrund.de und in diversen Magazinen. Mehrdimensionale Lebensrealitäten inner- und außerhalb von Communitys verhandelt sie in Performance-Texten, Vorträgen und Veranstaltungsreihen.
aktuelles Projekt:
„Biskaya“ ist ein afropolitaner Roman über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin. Die dreißigjährige Tue ist mit drei Elternteilen aufgewachsen und verdient heutzutage ihr Geld vor allem als Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band. Doch mit den anderen Bandmitgliedern hakt es und auch ihre WG wird Tue immer fremder, Ruhe findet sie allein bei ihrem besten Freund Matthew. Er ist die Familie, die es in ihrem Leben seit Jahren nicht mehr gegeben hat.

Anni und Simo von queer trash distro, www.queertrashdistro.org
"queer trash distro bietet zines von queers und trans leuten an zu den themen neurodivergenz, ableismus, körper, trans-sein, sucht…
wir die das distro betreiben sind anni und simo, zwei weisse trans menschen mit verschiedenen ableismus_saneismus-erfahrungen.
anni beschreibt sich selbst als "crazy plant lover, pug hugger and whiny femme", simo ist ein a_gender suchti cripple punk."

Zum Abschluß 2016 ging es bei dem Panel Zwischen den Beats - Queer und Sexismus im Techno und Hip Hop im Crack Bellmer um die DJ- Welt, und um queere und feministische Praxen in der Clubklutur als auch um die Analyse sexistischer Strukturen.

Moderiert von Tanja Ehmann diskutierten wir an diesem Abend über männliche* Dominanzverhältnisse hinter den Turntables, über feministische Netzwerke und den eigenen DJ- Werdegang der drei Panelist*innen.

Wir danken allen, die diese Veranstaltungsreihe zu einer spannenden und vielfältigen Erfahrung für unser Projekt gemacht haben. 2017 geht’s weiter mit neuen Aspekten aus queerer Praxis in Sub- und Jugendkulturen.

Besonderer Dank geht an alle Referierenden und Panelteilnehmenden, allen Besucher*innen sowie unserer großartigen Mitorganisatorin Vicky Kindl.

Diversity Box wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ des BMFSFJ gefördert.

Giuseppina Lettieri